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 Opfer der Milchpreiskrise -
Wirkungslose Soforthilfen:
7.473 Milchbauern gaben auf
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 Fast ein halbes Jahr lang nach dem u. g. "Milchgipfel" hat sich am Desaster für die Milchbauern bis in den Herbst nichts geändert. Das Höfesterben ging 2016 deshalb beschleunigt weiter. Unseren Bericht ergänzen wir (siehe unten) deshalb in Etappen mit Zwischenbilanzen. alb
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Der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, hatte am 30. Mai 2016 zum "Milchgipfel" geladen und dort den Bauern ein Hilfspaket von mindestens 100 Mio. € zugesagt.

100 Mio € klingt nach dickem Brocken, sind aber auch nur 0,1 Mrd. €, um den üblichen Maßstab der Bundeskasse zu benutzen. Und pro Bundesbürger sind es auch nur 1,20 €. Während der Milchpreiskrise 8 Liter Milch im Supermarkt für 45 statt 60 Cent gekauft, dann hatten wir Steuerbürger den Einsatz ja schon wieder raus!

Oder wie sieht die Rechnung zwischen sinnvoller Bauern-Solidarität, Sinn und Unsinn wirklich aus?


Hilfreich sind als Grundlage ein paar Fakten:

Gab es im Jahr 2000 in Deutschland noch 139.000 Milch produzierende Betriebe, waren es 2015 nur noch 74.800 und 2016 wohl nur noch 70.000. Pro 1.200 Einwohner gibt es also nur noch eine betroffene Milchbauernfamilie.

Pro Milchhof gab es 2015 im Bundesdurchschnitt 57 Milchkühe, insgesamt 4,3 Mio. Kühe (2016 waren es schon gut 60 Kühe je Hof). Die regionalen Unterschiede sind gravierend: In Bayern hatten die Milchhöfe 2015 im Durchschnitt nur 35 Kühe, in Baden-Württemberg 40 Kühe und in Hessen 46 Kühe. Der hohe Durchschnitt entsteht durch die großen Höfe im flachen Norden und im Osten der Republik, wo über 100 Kühe eher typisch als selten sind.

Die o.g. 4,3 Mio. Kühe haben 33,5 Mio. t Milch produziert. Das sind umgerechnet ca. 7.800 Liter/Kuh. 45 % der Milch wird zur Käseproduktion verwendet. 24 % für Trinkmilch und Frischmilchprodukte (Joghurt, Quark, etc), 20 % für Butter und Dauermilcherzeugnisse, 11 % für Futtermilch und Sonstiges.

Im öffentlichen Fokus stand der Absturz des Milchpreises für die Bauern von ca. 40 auf 20 Cent/Liter, was natürlich existenzgefährdend war.

Die 40 Cent mögen zwar für ein faires Bauerneinkommen angemessen sein, sie sind aber nicht der übliche Preis der letzten Jahre. Seit dem Jahr 2000 lag der Milchpreis für die Bauern meistens um die 30 Cent (siehe Grafik). Nur 2013/14 lag er mal ein Jahr lang über 35 Cent mit Spitzenpreis über 41 Cent.

Die Milchpreiskrise ist primär kein deutsches Problem. Es liegt am Weltmarkt, der nur langsamer wächst, als prognostiziert wurde. Hierzu ein Zitat aus dem "Situationsbericht 2015/16" des Deutschen Bauernverbandes (Seite 202): "2015 dürften 11 % der von europäischen Bauern angelieferten Milch (umgerechnet in Milchäquivalente) in Drittländer außerhalb der EU exportiert werden. Eine tendenziell
stark zunehmende Nachfrage aus den Entwicklungs- und Schwellenländern dürfte diesen Anteil in den nächsten Jahren weiter wachsen lassen."

Da die Exporte 2015/2016 eingebrochen sind, besonders durch fallende Nachfrage aus Ölexportländern (Billiges Erdöl = kein Geld für gesunde Milch!), China (weniger Wachstum) und Russland (Embargo), hatte ich (am 1.6.16) den für Milchthemen zuständigen Referenten des Bauernverbandes, Herrn Börger, auf das Zitat angesprochen, der es als generelle Perspektive trotz der aktuellen Preiskrise als gültig bestätigt.

Die steigende Produktion der wachsenden Kuhherden beruht damit nicht auf langjährig erhaltenen, besseren Preisen, sondern auf steigenden Exporterwartungen. Forciert wird das Ganze noch dadurch, dass ein Bauer, der seinen Stall modernisieren will, von Beratern und Banken nur dann unterstützt wird, wenn er den Kuhbestand massiv vergrößert. Dass der Nachbarhof damit die Milchkuhhaltung aufgibt, ist Teil der Logik.

Ein weiteres Defizit zum Nachteil der Bauern liegt in der ungenutzten Handlungsmacht der Molkereien. Zwar sind die vielen Molkereigenossenschaften früherer Jahrzehnte zu wenigen Großen fusioniert (ähnlich wie bei den Volks- und Raiffeisenbanken), aber Genossen sind immer noch die Bauern, die damit auf dem Papier über die Vermarktungsmacht von ca. 70 % der gesamten deutschen Milchproduktion verfügen. Die Preise bestimmen aber nur Aldi, Lidl Edeka ...?

Warum bilden die Molkereigenossenschaften keine dominanten Bauern-Marken für die wichtigsten Basis-Milchprodukte mit garantiertem Mindestmilchpreis für die Bauern? Handelsketten, die nicht mitziehen, werden eben nicht mehr beliefert, bekommen stattdessen täglich nahe jeder Filiale einen Verkaufswagen platziert, der die Bauernmarke offensiv anbietet. Die Bauern müssen ihre Molkereien regieren - und sich nicht von ihnen verwalten lassen.

Kommen wir zurück auf die vom Minister versprochenen 100 Mio. € Soforthilfen: Verzichten wir auf bürokratisch geprüfte Einzelvergaben, deren Verwaltungskosten auch keinem Bauern zukommen. Geben wir jedem der noch verbliebenen Milchbauern runde 1.400 €, dann ist die Subvention 1:1 am Ziel.

Jetzt nimmt der Bauer X für seine Kuh Y, die unterdurchschnittliche 7.000 Liter Milch gibt, die 1.400 € und erhöht deren Milchertrag damit von 20 Cent auf die erhofften 40 Cent/Liter. Die übrigen Kühe und deren Milch gehen leer aus.

Oder rechnen wir es so: Einem Kleinbauern mit ca. 25 Kühen rettet die anteilige Hilfe aus Steuergeldern über 2 Wochen, mit 50 Kühen bleibt eine Woche und die Durchschnitts-Kuhherde von gut 60 Kühen steht schon nach 5 Melktagen am Wochenende vor dem leeren Subventionstrog.

Wollte man eine solche Milchpreiskrise über Subventionen lösen, müsste man jeden Monat mindestens 500 Mio. € verteilen, was weder rechtskonform noch politisch durchsetzbar wäre und nebenbei eine reale Lösung verschleppen oder sogar verhindern würde.

Die klarste Lösung wäre, wenn wir umgehend in möglichst allen Geschäften bewusst alle Basis-Milchprodukte mit garantiertem Mindestpreis für die Bauern kaufen könnten, so wie wir inzwischen überall zwischen Bio- und (Normal)Gemüse oder Eiern aus Freiland- oder Bodenhaltung entscheiden können. Ist der Großteil der Bevölkerung solidarisch, können die Milchhöfe wirtschaftlich weiterleben und ihre sinnvolle Rolle in den Dörfern und für die natürliche Grünlandnutzung weiter ausüben.

Aber Milchbauern, die von den Trends am Weltmarkt profitieren wollen, müssen das Risiko selbst tragen - das muss man auch politisch klar trennen.
   
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Entwicklung der Milchpreise 2000 - 2015. Inzwischen (Stand 30.8.2017) sind die Preise wieder über 30 Cent/Liter mit positiver Tendenz. Milchbauern, die in der Krise nicht aufgeben mussten, können langsam aufatmen. (Grafik: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft)
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 Zwischenbilanz September 2016:
0 € Soforthilfe angekommen

     
   
   
 Ja, die Zwischenbilanz zur versprochenen Soforthilfe ist bitter: Bei den existenzgefährdeten Milchbauern ist real kein Cent zusätzlicher Hilfe angekommen. Dass die versprochenen 100 Mio. € ohnehin keine Lösung bieten, haben wir oben vorgerechnet.

Gelogen hat der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, aber auch nicht - sofern man unterstellt, dass die kommende Hilfe die erst im Winter ausgezahlt werden soll, dann noch als "Soforthilfe angesehen werden kann.

Die deutschen Landwirte (nicht speziell die Milchbauern!) bekommen zwar aus einem bereits beschlossenen Förderpaket dieses Jahr von der EU 60 Mio. €, aber nicht als Soforthilfe. Laut FiskusLeaks-Gespräch mit Ulrich Jasper von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) wird das Geld für Zinsverbilligungen von Betriebskrediten eingesetzt, wovon bundesweit 10.000 - 12.000 Betriebe profitieren. Alle anderen - und damit über 90 % der Milchhöfe - gehen leer aus.

Die eigentliche Soforthilfe ist derzeit nur der Höhe nach definiert: 58 Mio. € von der EU + eine zulässige Verdoppelung durch den Bund = 116 Mio. €. Budgetiert wird die Subvention 2017, soll aber "schon" vorgezogen im Dezember auszahlbar werden.

An den Milch-Tiefpreisen im Handel hat sich über den Sommer 2016 nichts geändert. Das liegt auch daran, dass die Großmolkereien mit den Handelsketten mehrmonatig fixe Preise vereinbaren und damit vor dem Herbst keine Reaktion zu erwarten ist.

Bei den Erzeugerpreisen der größten deutschen Molkereien ist das Deutsche Milchkontor (DMK) das Schwarze Schaf der Branche. Anfang September haben laut AbL über 120 Milcherzeuger das DMK-Werk im niedersächsischen Edewecht deswegen für mehrere Stunden blockiert. Das DMK hat danach den absurden Tiefpreis von 20 Cent/Liter auf bescheidene 22,2 Cent angehoben, wofür kein Bauer produzieren kann.

Ulrich Jasper von der AbL hat beim Gespräch im August den derzeitigen Erzeuger-Durchschnittspreis auf 25 Cent geschätzt. Gibt es also überhaupt noch Molkereien, die ihre Bauern auskömmlich bezahlen?

Um ein besseres Molkerei-Beispiel gegenüberzustellen, hat FiskusLesks bei der hiesigen südbadischen Molkerei von "Schwarzwaldmilch" um Auskunft gebeten. Diese Molkerei, aktuell sogar Sponsor des sympathischen Fußballclubs SC Freiburg, rühmt sich von Januar bis April 2016 den "zweitbesten Auszahlungspreis in ganz Deutschland" gezahlt zu haben.

Die derzeitigen Erzeugerpreise will Schwarzwaldmilch aber nicht nennen. Gleiches gilt für erbetene Auskunft zur Preisentwicklung beim Verkauf an den Handel und Weiterverarbeiter (z. B. Käsereien).

Den Grund des Schweigens findet man im nächsten Supermarktregal. Dort findet man die "teure" Biomilch dieser Molkerei und die ebenfalls hochpreisig vermarktete "Weidemilch ohne Gentechnik", für die die Bauern einen "Zuschlag" in ebenfalls unbenannter Höhe erhalten. Daneben greife ich dann zur Edeka-Billigmilch "Gut und Günstig" und bekomme für magere 42 Cent einen Liter Milch mit 1,5 % Fett (Vollmich wenige Cent mehr). Der Hersteller wird nicht namentlich genannt - aber mit Blick auf "BW 376" (die Pflichtangabe der Herstellerkennzeichnung) erkenne ich, dass ich Schwarzwaldmilch aus Freiburg kaufe.

Meine Frage zum Erzeugerpreis bleibt mir im Halse stecken, obwohl auch die Billigmilch offenbar ohne Gentechnik auskommt.

Zwischenbilanz Jahresende 2016:
Milchpreise steigen endlich wieder

     
   
   
 Die gute Nachricht zuerst: Seit November wurden die Preise für Trinkmilch und einige weitere Milchprodukte im Einzelhandel wieder auf ein vertretbares Niveau angehoben.

Die als Preisbeispiel oben für September benannte Edeka-Billigmilch "Gut und Günstig" kostet seit mehreren Wochen an gleicher Stelle 60 Cent für einen Liter Milch mit 1,5 % Fett (Vollmich mit 3,5 % Fett 5 Cent mehr).

Ob dieses Preisniveau bundesweit repräsentativ ist, werden die nächsten Auswertungen der Marktdaten ergeben. Wäre dem so, könnte man für die Milchbauern, die dieses Krise wirtschaftlich überlebt haben, bald Entwarnung verkünden - was natürlich davon abhängt, ob die Preisanpassung auch weitgehend bei den Erzeugern ankommt und nicht von Handel und Molkereien einbehalten wird.

Eine wirksame Soforthilfe hat jedenfalls kein einziger Milcherzeuger bekommen. Unsere Rückfrage an das zuständige Bundesministerium, wieviel Hilfen denn nun überhaupt 2016 ausgezahlt wurden, ist noch unbeantwortet.

Dass es nur um Alibi-Zuschüsse geht, erkennt man auch an den Ankündigungen für 2017, die im Frühjahr ausgezahlt werden sollen: Erzeuger, die die Produktion aufgeben mussten, bekommen nichts - und die "Überlebenden" können temporär mit sagenhaften 0,36 Cent/Liter rechnen, also ca. 2 % des erlittenen Preiseinbruchs.

Vergleiche hinken, ich weiß, aber verständlicher wird der Subventionsunsinn dieser angeblichen "Soforthilfe", wenn man sich vorstellt, die Milchpreiskrise wäre ein Autounfall: Sie fahren einen Gebrauchtwagen, der 10.000 € Wert ist. Der nicht versicherte Unfall muss für 5.000. € repariert werden, damit Sie wieder mobil sind. Im Sinne der o.g. 2 % bekommen Sie nächstes Jahr vom Bund und der EU 100 € Schadenersatz, aber nur wenn Sie die restlichen 4.900 € selbst zahlen können und das reparierte Auto selbst weiter fahren werden.

Januar 2017: Weitere Daten bestätigen das Fiasko

Anfang des Jahres 2017 haben wir einige aktuelle Angaben vom zuständigen Bundesministerium für Landwirtschaft erhalten. Das seit dem Frühsommer 2016 dargestellte Fiasko für die deutschen Milchbauern bestätigt sich damit weiterhin:

1. 2016 ist nur aus dem ersten
   Liquiditätshilfeprogramm real Geld geflossen. Von
   69 Mio. € lt. Programm wurden aber nur 65 Mio. €
   ausbezahlt, der Rest von 4 Mio. € ist wohl
   unbeansprucht verfallen - ohne nähere Angaben.
   Die Gelder gingen "überwiegend" an Milcherzeuger,
   aber auch Fleischproduzierene Höfe. Über 50 %,
   mehr besagt "überwiegend" ja nicht, wären magere
   33 Mio. €.

2. Alle anderen Förderzusagen galten/gelten nicht
   spezifisch für Milchhöfe oder werden erst 2017
   ausbezahlt.

3. Die durchschnittlichen Erzeugerpreise für Milch
   sind zum Jahresende laut Ministerium auf nur ca.
   30 Cent/Liter angestiegen. Nehmen wir unser
   obiges Preisbeispiel von Edeka, dann verteilt sich
   der um 16 Cent/Liter erhöhte Ladenpreis wie folgt:
   5 Cent für den Erzeuger, 1 Cent MWSt für den
   Fiskus und ca. 10 Cent verbleiben erneut bei Handel
   und Molkereien.

4. Damit erklärt sich auch das letzte neue Faktum:
   Von November 2015 bis November 2016 haben
   4.081 Bauernhöfe die Milchproduktion aufgegeben.
   Übrig blieben nur noch 69.174 Milchhöfe.

März 2018: Die Lage ist wieder angespannt

Die Erzeugerpreise für Milch sind 2017 gestiegen, ungefähr auf das Niveau vor der Milchkrise. Unsere o.g. Edeka-Billigmilch kostet nun 68 Cent. Butter ist erkennbar teurer, was aber nur teilweise bei den Erzeugern ankommt.

Obwohl die Anzahl der Milchhöfe (Stand November 2017) weiter auf nur noch 65.782 geschrumpft ist, haben die verbliebenen Höfe die Produktion erhöht. In preiskritischen Regionen mit viel Massentierhaltung bekommen die Milchbauern wieder kaum 30 Cent/Liter. Es bleibt bei einer angespannten Lage, die politisch kaum zu beeinflussen ist.

Binnen 2 Jahren haben damit 7.473 = 10 % der Milchbauern die Produktion aufgegeben.

Rolf Albrecht
     
   
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