Wir benutzen nur Cookies, die für die Funktionalität der Webseiten erforderlich sind. Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in der Datenschutzerklärung.
Fachwissen für den professionellen Leser Edition Professionell www.ed-pro.de
Startseite Übersicht Leserbereich Kontakt per E-Mail Datenschutz Impressum
 Pandemie: Vom "mäßigen" Risiko in den globalen Stillstand - und wieder zur Normalität
    zurück blättern  
   
 Kommentar
(Veröffentlicht 5.4.20; zuletzt aktualisiert 20.6.20)

Bis Mitte März 2020 blieb die Gefahr durch das Coronavirus (Covid-19) durch das federführend verantwortliche Robert-Koch-Institut (RKI) als "mäßig" eingestuft, erst seither gilt es als "hoch".

Bereits seit der letzten Februarwoche wurde dieses aber von den zuständigen Behörden der Länder und Kommunen so interpretiert, dass binnen weniger Wochen Fachmessen und alle großen Veranstaltungen, dann selbst kleine Seminartermine etc. wie die Dominosteine fielen.

Das ganze Land und große Teile der Wirtschaft stecken seither in einem Dilemma: Einerseits will niemand Gefahren verharmlosen, bzw. für eine Verharmlosung verantwortlich gemacht werden. Aber so wie es im Frühjahr lief, fuhren wir mit Vollgas in eine Wirtschaftskrise, die nur noch eingrenzbar ist.

Auch als Journalist, zumal wir auch Arbeits- und Gesundheitsschutz als Hauptthemengebiete haben, fiel es mir schwer, hier als Bremser aufzutreten. Aber dem durch Wirtschaftsschulen und VWL-Studium geprägten Ökonomen in mir sträubten sich die Haare, wie auch durch undifferenzierte Überreaktionen summiert Milliarden-Schäden entstanden, die wir alle gemeinsam bezahlen müssen.
     
  Leserkontakt
   
 Die Generalaussage, Gesundheit gehe vor Wirtschaftsinteressen, klingt human, ist grundsätzlich nicht falsch, löst aber kein Problem, da es in der Realität final um die Grenzen des Machbaren geht.

Obendrein hatten wir keinerlei Berechnungsgrundlage - weder für den erst seit Januar bekannten Virus, noch für die wirtschaftlichen Schäden durch die angelaufenen destruktiven Kettenreaktionen.

Wir müssen uns damit auch weiterhin angewöhnen, rationaler zu agieren, um ein Maximum an Normalität zurück zu erhalten. Konkret sehe ich dafür mehrere Ansatzpunkte:

Wortwahl und Taten müssen zusammenpassen:
Besonders Journalisten, aber auch alle die für andere Verantwortung tragen, müssen das schöne und differenzierte Repertoire der Sprache(n) nutzen, um sachlich zuzuordnen. Die Infektionsfallzahlen z. B. wuchsen "wesentlich", aber definitiv nicht "exponentiell", wie man es wochenlang falsch zu lesen und zu hören bekam. Seit Ende März sind die täglichen Zahlen der Neuinfektionen in Deutschland und vielen europäischen Ländern stabil, inzwischen in vielen Ländern rückläufig. Nur regional war das Gesundheitswesen in einigen Ländern überfordert, weshalb Schwerkranke dort von Nachbarländern übernommen wurden.

Keine irreführenden Bilder verwenden:
Selbst seriöse Medien übernehmen teilweise unkommentiert absurde Bilder/Videos, in denen z. B. Busse von außen desinfiziert werden, oder ganze Straßenzüge abgespritzt werden. Was soll das? Selbst wenn sich weit verstreut dort Viren befinden, die nicht längst abgestorben sind - man müsste den Bus oder das Straßenpflaster mit der Zunge ablecken, um diese Viren aufzunehmen.

Nur wirksame Einschränkungen zulassen:
Versammlungsverbote, Reiserestriktionen, erzwungene Geschäftsschließungen und erst recht Ausgangssperren waren schwere Eingriffe in unsere unantastbaren Grundrechte. Selbst zeitlich begrenzte Einschränkungen sind nur zulässig, wenn höhere humane Interessen nicht anders gewahrt werden können. Jede Notlagen-Vorschrift war und ist damit a priori verfassungswidrig, wenn damit nicht nachvollziehbar Krankheits- und Todesgefahren gesenkt werden.

In der unsicheren Hochlaufphase der Pandemie im März war eine Notbremsung des öffentlichen Lebens gerechtfertigt. Aber seit Ostern haben wir eine berechenbare Krisenlage und inzwischen definierte Regeln (z. B. kein Körperkontakt; 1,5 oder 2 m Abstand; Maske tragen), die von fast der gesamten Bevölkerung verantwortungsbewusst eingehalten werden.

Überall im Land wird inzwischen besonders auf Kranke und Senior(inn)en geachtet, um deren Hochrisiko besonders gut einzugrenzen. Auch Jüngere mit spezifischen Risiken bzw. Vorerkrankungen wissen um ihr Risiko und können bewusst persönliche Nahkontakte minimieren.

Einen schnellen und vollständigen Rückweg in die Normalität will und kann ich trotzdem nicht fordern.

Verfügbarkeit wirksamer Medikamente und die tägliche Beobachtung der Neuinfektionen und Immunisierungen werden darüber entscheiden, wie groß die Schritte zurück zur Normalität sein können und über wie viele Monate wir sie strecken müssen.

Nach Ostern hätten alle Restriktionen entrümpelt werden müssen, die reine Papiertiger sind. Das ist bisher nur bedingt passiert und bietet immer noch Stoff für teils lustige Absurditäten über weltfremde Vorschriften.

Inzwischen sind wesentliche Schritte getan, die risikoarme Tätigkeiten wieder zulassen, aber die Maßstäbe sind teilweise an Formalien und nicht am Risikopotential orientiert. Dass Bund, Länder und Kommunen hier teils falsch liegen, muss weiterhin korrigiert werden, sonst werden die Vorschriften erneut von Gerichten außer Kraft gesetzt.

Auch erfinden weltfremde Bürokraten bei den Regeln für den Rückweg zur Normalität absurde Einzelvorschriften, die wiederum nur zur satirischen Volksbelustigung taugen, aber den Betroffenen Berufstätigen und deren Kunden das Leben schwer machen.

Weitere Schritte im Abstand von ca. 2 Wochen, damit man nachsteuern kann, bevor nicht auszuschließende Fehleinschätzungen gravierende Nebenfolgen entwickeln, haben sich bewährt.

Nur so bekommen wir, mit Augenmaß, die zwingenden Notwendigkeiten von Freiheit, Gesundheit und Wirtschaft Schritt für Schritt in ein dynamisches Gleichgewicht.

Normalität wird aber erst daraus, wenn wir wirksame Medikamente und Impfstoffe breit verfügbar haben.

Rolf Albrecht
     
   
  zurück blätternSeitenanfang