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 Ein Jahr Pandemie:
Vom globalen Stillstand durch lange Wege zur Normalität
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 Kommentar
(Veröffentlicht 5.4.20; zuletzt geprüft 7.4.21)

Bis Mitte März 2020 blieb die Gefahr durch das Coronavirus (Covid-19) durch das federführend verantwortliche Robert-Koch-Institut (RKI) als "mäßig" eingestuft, erst seither gilt es als "hoch".

Bereits seit der letzten Februarwoche 2020 wurde dieses aber von den zuständigen Behörden der Länder und Kommunen so interpretiert, dass binnen weniger Wochen Fachmessen und alle großen Veranstaltungen, dann selbst kleine Seminartermine etc. wie die Dominosteine fielen.

Das ganze Land und große Teile der Wirtschaft stecken seither in einem Dilemma: Einerseits will niemand Gefahren verharmlosen, bzw. für eine Verharmlosung verantwortlich gemacht werden. Aber so wie es im Frühjahr 2020 lief, fuhren wir mit Vollgas in eine Wirtschaftskrise, die seither nur eingrenzbar ist.

Auch als Journalist, zumal wir auch Arbeits- und Gesundheitsschutz als Hauptthemengebiete haben, fiel es mir schwer, hier als Bremser aufzutreten. Aber dem durch Wirtschaftsschulen und VWL-Studium geprägten Ökonomen in mir sträubten sich die Haare, wie auch durch undifferenzierte Überreaktionen summiert Milliarden-Schäden entstanden, die wir alle gemeinsam bezahlen müssen.
     
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 Die Generalaussage, Gesundheit gehe vor Wirtschaftsinteressen, klingt jederzeit human, ist grundsätzlich nicht falsch, löst aber kein Problem, da es in der Realität final um die Grenzen des Machbaren geht.

Obendrein hatten wir keinerlei Berechnungsgrundlage - weder für das erst seit Januar 2020 bekannte Virus, noch für die wirtschaftlichen Schäden durch die angelaufenen destruktiven Kettenreaktionen.

Wir müssen uns damit auch weiterhin angewöhnen, rationaler zu agieren, um ein Maximum an Normalität zurück zu erhalten. Konkret sehe ich dafür mehrere Ansatzpunkte:

Wortwahl und Taten müssen zusammenpassen:
Besonders Journalisten, aber auch alle die für andere Verantwortung tragen, müssen das schöne und differenzierte Repertoire der Sprache(n) nutzen, um sachlich zuzuordnen. Die Infektionsfallzahlen z. B. wuchsen "wesentlich", aber definitiv nicht "exponentiell", wie man es wochenlang falsch zu lesen und zu hören bekam. Seit Ende März 2020 waren die täglichen Zahlen der Neuinfektionen in Deutschland und vielen europäischen Ländern stabil, danach in vielen Ländern rückläufig. Nur regional war das Gesundheitswesen in einigen Ländern überfordert, weshalb Schwerkranke dort von Nachbarländern übernommen wurden. Seit Herbst wiedeholen sich diese Szenarien in der zweiten und nun dritten Welle.

Keine irreführenden Bilder verwenden:
Selbst seriöse Medien übernahmen teilweise unkommentiert absurde Bilder/Videos, in denen z. B. Busse von außen desinfiziert werden, oder ganze Straßenzüge abgespritzt werden. Was soll das? Selbst wenn sich weit verstreut dort Viren befinden, die nicht längst abgestorben sind - man müsste den Bus oder das Straßenpflaster mit der Zunge ablecken, um diese Viren aufzunehmen.

Nur wirksame Einschränkungen zulassen:
Versammlungsverbote, Reiserestriktionen, erzwungene Geschäftsschließungen und erst recht Ausgangssperren sind schwere Eingriffe in unsere unantastbaren Grundrechte. Selbst zeitlich begrenzte Einschränkungen sind nur zulässig, wenn höhere humane Interessen nicht anders gewahrt werden können. Jede Notlagen-Vorschrift war und ist damit a priori verfassungswidrig, wenn damit nicht nachvollziehbar Krankheits- und Todesgefahren gesenkt werden.

In der unsicheren Hochlaufphase der Pandemie im März 2020 war eine Notbremsung des öffentlichen Lebens gerechtfertigt. Aber seit Ostern 2020 hatten wir eine berechenbare Krisenlage und inzwischen definierte Regeln (z. B. kein Körperkontakt; 1,5 oder 2 m Abstand; Maske tragen), die anfangs fast von der gesamten Bevölkerung verantwortungsbewusst eingehalten wurden.

Überall im Land wurde besonders auf Kranke und Senior(inn)en geachtet, um deren Hochrisiko besonders gut einzugrenzen. Auch Jüngere mit spezifischen Risiken bzw. Vorerkrankungen wissen um ihr Risiko und können bewusst persönliche Nahkontakte minimieren.

Einen schnellen und vollständigen Rückweg in die Normalität will und kann ich trotzdem nicht fordern.

Verfügbarkeit wirksamer Medikamente und die tägliche Beobachtung der Neuinfektionen und Immunisierungen werden darüber entscheiden, wie groß die Schritte zurück zur Normalität sein können und über wie viele Monate wir sie strecken müssen.

Nach Ostern 2020 hätten alle Restriktionen entrümpelt werden müssen, die reine Papiertiger waren. Das ist nur bedingt passiert und bot Stoff für teils lustige Absurditäten über weltfremde Vorschriften.

Inzwischen sind wesentliche Schritte getan, die risikoarme Tätigkeiten wieder zulassen, aber die Maßstäbe sind teilweise an Formalien und nicht am Risikopotential orientiert. Dass Bund, Länder und Kommunen hier teils falsch liegen, muss weiterhin korrigiert werden, sonst werden die Vorschriften erneut von Gerichten außer Kraft gesetzt.

Auch erfinden weltfremde Bürokraten bei den Regeln für den Rückweg zur Normalität absurde Einzelvorschriften, die wiederum nur zur satirischen Volksbelustigung taugen, aber den Betroffenen Berufstätigen und deren Kunden das Leben schwer machen.

Weitere Schritte im Abstand weniger Wochen, damit man nachsteuern kann, bevor nicht auszuschließende Fehleinschätzungen gravierende Nebenfolgen entwickeln, haben sich bewährt.

Nur so bekommen wir, mit Augenmaß, die zwingenden Notwendigkeiten von Freiheit, Gesundheit und Wirtschaft Schritt für Schritt in ein dynamisches Gleichgewicht.

Normalität wird aber erst daraus, wenn wir mangels wirksamer Medikamente alle Impfwilligen versorgt haben. Wer keine Impfung will, lebt dann mit dem selbst gewählten Risiko, genau wie ein Radfahrer, der ohne Helm unterwegs ist.

Rolf Albrecht
     
   
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