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 Völlig naive Fehlinvestition:
Corona-Tracing-App kann die
Gefährdung nicht beurteilen
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 Kommentar

Gegen Gefahren und Unsicherheiten wollen wir uns schützen, das ist instinktiv richtig, veranlasst aber oft unüberlegte, sinnlose oder noch gefährlichere Folgen.

In diesem Sinn habe ich die prophezeite App, die uns vor Infektionsrisiken warnen soll, zuerst wegen dem unverhältnismäßigen Eingriff in den Datenschutz sehr kritisch gesehen. Schließlich gibt es kaum ein Datensystem, was uns als unhackbar sicher angepriesen wurde - und dann doch gehackt wurde. Zudem wollen Google und Apple die Hoheit über die Datenspeicherung bekommen, womit unsere Datenschutzregeln unvereinbar sind. Die Alternative, nun auf eine dezentrale Datenspeicherung zu setzen, direkt auf den Handys, entschärft dieses Problem.

Das ändert aber nichts daran, dass Smartphones oft schlechter geschützt sind als z. B. Bürocomputer mit Firewall. Zudem geht es um eine Anwendung in öffentlichen Funknetzen, wobei die zur Abstandsmessung vorgesehene Bluetooth-Technologie bisher nicht für solche Nutzung gedacht und erst recht nicht abgesichert ist.

Zudem ist unklar, wie präzise die angestrebte App-Lösung die Distanz zwischen zwei Handys zuverlässig messen kann. Meine Rückfragen an das mitwirkende Fraunhofer-Institut HHI sowie PETT-PT blieben trotz mehrerer Erinnerungen unbeantwortet. Abstand misst man z. B. sehr exakt per Laser, was wir quer durch die Arbeitswelt kennen. Beim Handy wird aber nur die Stärke des Sendesignals bewertet, um daraus eine Entfernung zu schätzen. Weitere Anfragen bei Bluetooth und SAP sind bisher unbeantwortet.

Aber diese Messgenauigkeit ist am Ende kaum relevant, da aus ganz anderen Gründen das Handy schlicht ein ungeeignetes Messgerät für diese Aufgabe ist.

Die Messaufgabe:
Zu beurteilen ist die Gefahr einer Krankheitsübertragung per Tröpfcheninfektion durch direkte Luft vom Ausatmen, mit erweiterter Gefahr durch Husten oder Nießen.

Wir reden also über die Positionen von Mund und Nase zweier Personen, die sich beim Atmen zu nahe kommen. Unstrittig reden bei uns in Deutschland alle von einem Abstandgebot von 2 m, teils reichen angeblich 1,5 m (Gefahren-Relation: siehe Grafik).

Was 2 m Personenabstand aber nicht berücksichtigt, ist die nötige Zuwendung des Gesichts. Steht jemand genau neben mir, geht mein Atem um 90° in eine andere für ihn ungefährliche Richtung. Steht man eng Rücken an Rücken, kreuzen sich die Atemwege auch nicht. Rücken-, Seiten- oder Gegenwind kann diese Positionsbeurteilungen aber massiv verzerren, zum Vorteil oder zur Gefährdung. All diese Daten werden von keinem Handy erfasst.

Aber schon hierfür müsste der Abstandssensor bei uns auf der Nasenspitze oder am Kinn kleben. Schon die Sensorposition am Halskettchen wäre 20 cm daneben, kann die Messgenauigkeit einschränken.

Wir reden aber über einen Messpunkt, der irgendwo in unseren Handys steckt. Aber was hat die Position unseres Handys mit der Position von Mund und Nase zu tun? Ziemlich wenig: Das Gerät haben wir mal am Ohr, mal in der ausgestreckten Hand, mal auf Leseanstand vor dem Bauch. Eingesteckt wird es in Brust-, Jacken- und Hosentaschen, oder weg vom Körper in Handtaschen oder Rücksäcken.
   
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"The Diffusion Infectiousness Function, which aims to approximate the relative risk of getting infected as proposed by Fraser et al.":
Die Grafik zeigt das volle Infektionsrisiko im Abstand bis ca. 1 m, was bei 1,5 m auf ca. 40 % sinkt, bei 2 m noch über 20 % liegt und jenseits der 3 m unter 10 % vernachlässigt werden kann. Abstände über 2 m sind damit immer angeraten, wo genug Platz ist.
 
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Die Bundeswehr hat mit Testpersonen deren Bewegungen simuliert, um daraus Infektionsrisiken zu ermitteln. Derartige Szenarien sind aber final nicht relevant, da die Tracing-App nur Kontakte speichern soll, die über mehr als 15 Minuten unter 2 m Abstand bleiben. (Grafiken: Bundeswehr)
 
Quelle: Proximity Tracing App
Report from the Measurement Campaign 2020-04-09.
  Leserkontakt
   
 Positionsvariablen maximieren Datenmüll:
Ist schon der relevante Raum ausgeatmeter Luft, wie oben erläutert, per Handy nicht identifizierbar, ist es auch die gesamte Position zweier Menschen zueinander nicht. Nehmen wir Beispiele:

• Zwei Personen sitzen auf einer Parkbank - brav auf
   Abstand rechts und links außen. Nun sind aber deren
   Handys in Jacken/Taschen dazwischen auf der Bank
   abgelegt: Die App meldet eine inexistente Gefahr.
   Gleiche Szene, aber die Personen sitzen mittig, also
   zu nah, die Handys sind aber rechts und links außen
   auf der Bank abgelegt: Die App erkennt die Nähe nicht.
• Ich sitze in der U-Bahn, Handy in der linken
   Brusttasche. Neben meiner linken Schulter steht
   eine Person, mir den Rücken zugewandt, deren
   Handy in der Tasche neben meiner Schulter steckt:
   Keine Gefahr, aber die App misst nur 50 cm mit
   deutlicher Warnmeldung. Sitzt die gleiche Person
   mir aber gegenüber, atmet genau auf mich zu, hat
   die Tasche aber seitlich am Boden abgestellt: Ich
   bin gefährdet, aber die App misst unkritische 2 m.

Denkt man sich hunderte andere Alltagssituationen aus, kommt man immer wieder auf ähnliche Szenarien. Ergebnis: Unmengen von Fehlwarnungen und daneben Unmengen an nicht erkannten potentiell gefährlichen Nähen.

Zudem wird in der bisherigen Diskussion um die App auch der Faktor Zeit fokussiert, weil längere zeitliche Nähe gefährlicher sei, als kurze Begegnungen. Aber auch hier werden die Umgebungsbedingungen nicht erfasst. Die gleiche Nähe für eine Minute im Fahrstuhl ist sicher kritischer als die gleiche Minute nebeneinander an der Fußgängerampel, usw.

Diese ggf. gefährlichen Ereignisse werden aber gar nicht erfasst, da die App laut Fraunhofer-Institut HHI nur Nähe unter 2 m speichern soll, wenn diese länger als 15 Minuten dauern.
     
   
   
 Bei längerer Nähe zwischen einzelnen Personen oder mehreren Personen in einem geschlossenen Raum kommt es viel mehr auf eine leistungsfähige Lüftung und die Luftmenge pro Person an, womit hohe Räume unkritischer sind als niedrige. Bei kurzen Begegnungen kann hingegen nur direktes Anhusten, Anniesen oder sehr direktes Anatmen relevante Gefahr bringen.

Fazit:
In Summe werden also die meisten relevanten Kriterien für die Beurteilung einer möglichen Infektionsgefahr durch eine Abstandsmessung per App gar nicht oder mit großem Fehlerpotential erfasst.

Es ist mir damit ein Rätsel, wie daraus zielführende Warnmeldungen generiert werden sollen. Abertausende falscher Warnungen werden Verunsicherung und ggf. sogar Angst verbreiten, während gleichzeitig unzählige warnwürdige Kontakte nicht erkannt werden, was den App-Nutzern eine nicht gebotene Sicherheit vorgaukelt.

Im Alltag kommt es ohnehin nicht auf eine App an, die nur eine digitale Krücke ist, sondern auf unser reales Verhalten, z. B. das Gesicht wegdrehen oder einen Schritt zur Seite gehen, wenn jemand zu nah kommt. Dass das funktioniert wissen wir inzwischen durch die deutlich rückläufigen Infektionszahlen.

Rolf Albrecht
     
   
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