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 3. Lockdown für Ungeimpfte:
Minderheit ohne Verantwortung beerdigt wieder Weihnachten
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 Kommentar
(Veröffentlicht 14.12.2020; zuletzt angepasst 13.11.21)

Ja, die Überschrift ist provozierend, vereinfacht und gefällt mir selber nicht - aber sie spiegelt das Gefühl von Frustration über die Addition von dummer Naivität, inkonsequentem Alltagsverhalten und mutwillig verursachter Gesundheits- und Lebensgefahr durch eine Minderheit unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft.

Das Wort "beerdigt" steht zynischerweise auch für eine wörtlich zu nehmende Tatsache: Seit Dezember wurde ca. alle 3 Minuten ein Mitmensch in unserem Land Opfer der Pandemie und musste von Verwandten und Freunden verabschiedet werden: Vermeidbare Trauerfeier statt Weihnachtsfeier - das war die Realität für tausende Mitbürger*innen rund um Heiligabend 2020. Vier Wochen nach Weihnachten wurde diese Einschätzung bestätigt: In der Weihnachtswoche betrug die Übersterblichkeit zum Durchschnitt der Vorjahre 5.832 Tote (Quelle: tagesschau-App).

Und zu Ostern hatten wir ohne Ende der 2. Welle gleich die 3. Welle - mit immer noch viel zu viel Toten - trotz begonnener Impfungen.

Als Fachjournalist bin ich in unserer freien Demokratie aktiver Teil gelebter Meinungsfreiheit. Und deshalb akzeptiere ich auch, wenn die kuriosesten Spinner die Erde für eine Scheibe halten oder Placebos gegen Krebs für tauglich halten - solange damit keinen Dritten Schaden zugefügt wird.

Deshalb hat auch jeder das Recht, z. B. die Existenz des Corona-Virus und die damit reale Gefahr zu leugnen - aber niemand hat das Recht durch Missachtung der Vorsichtsregeln seine Mitmenschen zu gefährden. Und diese Regeln bestimmt die demokratisch legitimierte Mehrheit durch ihre Abgeordneten und Regierungen.

Nehmen wir mal zum Vergleich den Straßenverkehr: Wenn sich jemand nicht anschnallt oder ohne Helm fährt, ist das ordnungswidrig aber primär nur selbstgefährdend. Schnallt man aber seine Kinder nicht an, ist man bei einem Unfall für deren Tod oder Verletzung verantwortlich.

Aber die radikalen Corona-Leugner verrennen sich ja sogar in einer behaupteten Corona-Diktatur und leiten daraus Widerstandsrechte ab. Mit dem Maßstab leben wir dann auch in einer Verkehrs-Diktatur und rufen zum Widerstand auf, gegen das Rechtsfahrgebot, gegen die Bevormundung durch rote Ampeln und für unbegrenzte Raserei ohne jedes Tempolimit, selbst in Ortschaften?

Für mich ist das unverantwortliche Verhalten dieser Minderheit nicht nur bekloppt, sondern kriminell. Schließlich reden wir über dauerhafte Gesundheitsschäden durch mutwillige Inkaufnahme der gefährlichen Weiterverbreitung der Viren - und final auch über fahrlässige Tötung - tausendfach summiert.

Zu dulden ist hingegen das endlose Debattieren über einheitliche oder differenzierte Verordnungen. Wir sind eben keine Diktatur, sondern eine Verbindung von 16 Bundesländern mit eigenen Rechten und Bürgern unterschiedlicher Struktur und Mentalität. Das kann man koordinieren, durch bundesgesetzliche Regelungen grob ausrichten, aber nicht ins Korsett zwingen.

Auch das Gejammer über eine angeblich fehlende langfristige Strategie geht mir auf die Nerven. Ein totaler, gnadenloser Lockdown ist in einem guten Rechtsstaat nicht möglich. Wir müssen in dieser unplanbaren Lage eben jeweils nach wenigen Wochen nachjustieren, um mögliche Freiheiten zu erhalten oder alsbald wiederzugeben.

Das ist kein politisches Versagen sondern eine notwendige Gratwanderung, auf der auch Fehler passieren und wo durch Maßnahmen nicht die Komplexität der Realität von Millionen Menschen mit tausenden Berufen individuell abzubilden ist.

Eine planbare Achse zeigen uns nur die Impfstoffe, wenn die Erwartungen an Wirksamkeit und überschaubare Nebenwirkungen erhalten bleiben.

Aber im ersten Quartal 2021 wurden nur 9,7 Millionen Personen in hochgefährdeten Berufen und von den besonders lebensbedrohten Senior(inn)en geschützt. Das hat die Todeszahlen runtergebracht - aber erst seit dem Frühsommer.

Bis zum Herbst konnten wir nun draußen und bei offenen Fenstern besser den Viren entgehen - und die Breite der Bevölkerung hätte längst durchgeimpft sein können.

Aber durch die sehr ansteckende Delta-Variante und die vielen Ungeimpften haben wir die Notlage nicht hinter uns.

Die Hoffnung, mit verbleibenden Restinfektionen könne man klarkommen - und die Impfgegner können sich gern gewollt-ungeschützt gegenseitig bis zur fernen Herdenimmunität anstecken, hat einen hohen Preis, nicht nur weil Ungeimpfte neuen Mutationen Tür und Tor öffnen. Der akute Preis sind wieder überlastete Kliniken und wöchentlich über 1.000 Tote.

Mindestens für Ungeimpfte ist es wieder eine bittere Perspektive, für die Advents und Weihnachtszeit.

Rolf Albrecht
     
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