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 Hoch- und Niedrigwasser -
das gefährliche Wechselspiel
im eskalierenden Klimawandel
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 NIWIS, das neue Niedrigwasser-Informationssystem der Koblenzer Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) stellt die aktuelle Niedrigwasserlage in den historischen Vergleich. Dabei sind die Prognosen für künftige Jahrzehnte ebenso desaströs wie beim Gegenteil, den zunehmenden Gefahren und Schäden durch Hochwasser, wofür andere Behörden zuständig sind.

Mit wenigen Ausnahmen ist in den Binnenwasserstraßen im Spätsommer und vor allem im Herbst die eigentliche Niedrigwasserzeit. Insofern sind niedrige Wasserstände und Abflüsse, die seit Längerem an der Elbe, mittlerweile auch im Rhein und andernorts deutlich früher im Jahr vorliegen, eine besondere Situation.

Die mittleren Monatsabflüsse im Juli am Pegel Kaub liegen bei rd. 1.490m³/s. Eine geringe Wasserführung wie 2026 ist hier im Monat Juli in weniger als 10 % der Jahre zu erwarten. Konkret: Ein niedrigerer Abfluss als der aktuelle Wert von 614 m³/s ist am diesem Streckenabschnitt seit 1901 noch nicht verzeichnet worden. Ähnlich extrem ist die Lage im freifließenden Abschnitt der Donau, wo am Pegel Hofkirchen am 12.7.26 mit 157 cm der absolut niedrigste Wasserstand seit Beginn des 20. Jahrhunderts verzeichnet wurde.

Rolle des Klimawandels bei der
Zunahme von Niedrigwasserphasen


Der Klimawandel beeinflusst bereits heute den Wasserhaushalt und damit auch das Niedrigwassergeschehen. Zu den wichtigsten Einflussfaktoren zählen steigende Lufttemperaturen und Veränderungen in der räumlichen und zeitlichen Verteilung der Niederschläge. Mit den höheren Temperaturen nimmt die Verdunstung zu. Gleichzeitig gehen Wasserrücklagen in Form von Schnee zurück oder stehen bereits früher im Jahr nicht mehr zur Verfügung. Auch Gletscher, die Flüsse während sommerlicher Trockenperioden mit Wasser speisen, ziehen sich zunehmend zurück. Hinzu kommt, dass Niederschläge im Sommer häufiger örtlich als Starkregen fallen. Sie führen dort kurzfristig zu höheren Wasserständen, tragen jedoch kaum dazu bei, anhaltende Niedrigwassersituationen zu entschärfen.

Grundsätzlich gehören Niedrigwasserphasen – auch wenn sie mehrere Monate andauern oder in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren auftreten – zum natürlichen Abflussgeschehen in Mitteleuropa. Modellrechnungen und Analysen der BfG zeigen, dass die derzeitige Häufung solcher Ereignisse noch im Bereich der natürlichen Variabilität liegt. Gleichzeitig zeichnet sich bereits ein Einfluss des Klimawandels ab: Der erhöhte atmosphärische Verdunstungsanspruch verstärkt Wasserverluste in allen Jahreszeiten und intensiviert damit Niedrigwasserereignisse.

Bis etwa zur Mitte dieses Jahrhunderts sind nach heutigem Kenntnisstand noch keine grundlegenden Veränderungen des Niedrigwasser-Abflussverhaltens zu erwarten. Schon für die zweite Hälfte des Jahrhunderts projizieren Klimamodelle jedoch eine deutliche Verschärfung: Niedrigwassersituationen werden voraussichtlich häufiger auftreten, länger andauern und intensiver ausfallen – besonders dann, wenn der globale Klimaschutz keine durchgreifenden Fortschritte erzielt.

Für den Niedrigwasserkennwert NM7Q werden im langjährigen Mittel Rückgänge von 10 - 20 % erwartet. Besonders ausgeprägt sind diese Veränderungen voraussichtlich im Süden und Südwesten Deutschlands, etwa im Rheingebiet und in den nichtalpinen Teilen des Donaueinzugsgebiets.

Auswirkungen des Niedrigwassers

Während Niedrigwasserphasen erwärmen sich Flüsse aufgrund des verringerten Wasservolumens stärker.  Der Rhein blieb im Juli 2026 am wärmsten, die Temperatur vieler Rhein-Stationen lag über 25°C. Stationen in den anderen großen Flüssen hatten vereinzelt auch mehr als 25°C.

Generell bedeuten höhere Wassertemperaturen Stress für viele aquatische Organismen, da sich ihre Stoffwechselrate erhöht und sie deutlich mehr Sauerstoff benötigen. Gleichzeitig löst sich im warmen Wasser weniger Sauerstoff. Die ebenfalls höhere mikrobielle Aktivität zehrt beim Abbau von organischem Material zusätzlich Sauerstoff.

Vom geringeren Wasserstand sowie geringeren Fließgeschwindigkeiten können Algen und Cyanobakterien (Blaualgen) profitieren. Ein verstärktes Algenwachstum kann zahlreiche, in der Regel negative Rückwirkungen auf die Wasserqualität haben. Durch sehr niedrige Wasserstände kann der Zugang zu Aue- und Nebengewässern eingeschränkt sein oder der Wasserkörper (besonders in kleinen Bächen, Teichen und Auegewässern) stark eingeengt werden. Dadurch fehlen wichtige Habitate oder Rückzugsräume für die Lebewesen.

Insgesamt gehören trockene Phasen ebenso wie Überflutungen zu der natürlichen Dynamik eines Fließgewässer-Ökosystems und ermöglichen dessen biologische Vielfalt. Erst eine langfristige Verlängerung der Trockenphasen und ihre Verschiebung im Jahresverlauf führt aufgrund der genannten Effekte zu einer Veränderung der Lebensräume und einer Verschiebung im Artenspektrum.

Maßnahmen, um die Folgen von Niedrigwasserereignisse zu begrenzen

Zur Begrenzung der Auswirkungen von Niedrigwasser stehen verschiedene Vorsorge-, Informations- und Anpassungsmaßnahmen zur Verfügung. Die BfG leistet hierzu besonders durch wissenschaftliche Grundlagen, Vorhersagesysteme und digitale Informationsangebote einen wichtigen Beitrag.

Ein zentraler Baustein ist die Bereitstellung belastbarer Vorhersagen und aktueller Informationen. Mit dem Niedrigwasser-Informationssystem NIWIS bündelt die BfG erstmals bundesweit Informationen zum Thema Niedrigwasser und Wasserknappheit in einem zentralen Portal. Während entsprechende Daten bislang mit unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten – etwa zu Oberflächengewässern, Bodenfeuchte oder Grundwasser – auf verschiedene Informationsangebote verteilt waren, führt NIWIS diese zusammen und ermöglicht damit eine deutschlandweit einheitliche Beschreibung und fachliche Einordnung der aktuellen Niedrigwassersituation.

Ergänzend integriert das System für ausgewählte Bundeswasserstraßen die von der BfG entwickelten Wasserstands- und Abflussvorhersagen mit einem Zeithorizont von bis zu sechs Wochen. Diese bieten den Nutzerinnen und Nutzern aus Schifffahrt, Wirtschaft, Verwaltung und Wasserwirtschaft eine wichtige Grundlage, um sich frühzeitig auf Niedrigwasser einzustellen und entsprechende Maßnahmen zu planen.

Darüber hinaus arbeitet die BfG an der Weiterentwicklung saisonaler Vorhersagen, die über den bisherigen Sechs-Wochen-Horizont hinausreichen. Damit sollen künftig noch frühzeitigere Einschätzungen möglicher Niedrigwasserentwicklungen ermöglicht und die Vorsorge weiter verbessert werden.

Die wissenschaftliche Expertise der BfG fließt zudem in den Aktionsplan „Niedrigwasser Rhein“ des Bundes ein. Ein wichtiges Vorhaben ist dabei die Abladeoptimierung der Fahrrinne am Mittelrhein (AOMR). Die BfG erarbeitet hierfür hydrologische, morphologische und ökologische Grundlagen, führt Modellierungen durch und bewertet die potenziellen Auswirkungen der Maßnahmen. Damit liefert sie eine wesentliche wissenschaftliche Basis für Planung und Umsetzung des Projekts. Ziel der AOMR ist es, die Befahrbarkeit des Mittelrheins auch bei Niedrigwasser zu verbessern und die Zuverlässigkeit des Wasserstraßentransports zu erhöhen.

Auch im Bundesprogramm Blaues Band Deutschland bringt die BfG ihre wissenschaftliche Expertise ein. Sie unterstützt die Entwicklung und Bewertung von Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung der Bundeswasserstraßen und ihrer Auen. Damit trägt sie dazu bei, die Gewässer langfristig widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels zu entwickeln.

Niedrigwasserinformationssystem (NIWIS)

Mit NIWIS geht erstmals ein bundesweites Informationsangebot zur Niedrigwassersituation in Deutschland online. NIWIS schafft eine einheitliche und vergleichbare Datengrundlage für Bundes- und Landesbehörden, Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit und unterstützt Beratungen und Entscheidungen im Umgang mit Wasserknappheit. Die BfG betreibt das System und stellt die Informationen seit dem 15. Juli 2026 bereit.

Das System bündelt und visualisiert aktuelle Messdaten zu Wasserständen, Abflüssen, Grundwasserständen, Quellschüttungen und Niederschlagsverhältnissen. Durch die Kombination von räumlichen Analysen und zeitlichen Auswertungen können Niedrigwasserereignisse überregional rasch bewertet werden. Interaktive Karten, Messdaten und statistische Kennwerte helfen dabei, die aktuelle Situation zu erfassen und mit historischen Ereignissen zu vergleichen. Flankiert wird die Darstellung von Hintergrundinformationen zum Thema Niedrigwasser.

NIWIS ergänzt bestehende Informationsangebote der Bundesländer und macht Messdaten auf Bundesebene sichtbar. Landesportale zum Thema Wasser bzw. Niedrigwasser informieren weiterhin auf regionaler Ebene mit höherer räumlicher Auflösung zum Wasserdargebot.

Mit NIWIS entsteht eine gemeinsame Wissensgrundlage für einen vorausschauenden und nachhaltigen Umgang mit Wasserressourcen in Zeiten zunehmender Wasserknappheit: Informationen, die bislang aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen werden mussten, werden mit NIWIS zentral bereitgestellt und nach einheitlichen methodischen Maßstäben bewertet. Das System unterstützt Behörden, Unternehmen und weitere Akteure bei Entscheidungen im Umgang mit Wasserknappheit. Für die Bundeswasserstraßen und die Schifffahrt bietet NIWIS ein belastbares Lagebild zur Einschätzung der aktuellen Niedrigwassersituation, eine einheitliche, vergleichbare Einordnung über alle Wasserstraßen hinweg sowie eine fachliche Referenz für Gesamtsteuerung, Management und Kommunikation. Darüber hinaus macht NIWIS hydrologische Daten und wissenschaftliche Analysen verständlich und zugänglich.

Hochwasser an Bundeswasserstraßen

Die Zuständigkeit für den Hochwasserschutz liegt gemäß der grundgesetzlich verankerten Aufgabenverteilung bei den Ländern. Die BfG nimmt daher keine operativen Aufgaben der Hochwasservorsorge oder -warnung wahr, unterstützt Bund und Länder jedoch mit ihrer wissenschaftlichen und fachlichen Expertise. Dies erfolgt u. a. im Rahmen des Nationalen Hochwasserschutzprogramms. Darüber hinaus führt die BfG im nationalen Kartendienst zum Hochwasserrisikomanagement die von den Ländern bereitgestellten Hochwassergefahren- und Hochwasserrisikokarten in einer bundesweit einheitlichen Anwendung zusammen und macht sie zentral zugänglich.
   
    
 
 
 
 
 
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Der Präsident der Bundesanstalt für Gewässerkunde, Dirk Schwardmann, stellte im Juli 2026 auf der Bundespressekonferenz das Niedrigwasserinformationssystem (NIWIS) vor.
 
 
 
 
 
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Der Rhein bei Niedrigwasser im oberen Mittelrheintal bei Boppard.
 
 
 
 
 
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Die NIWIS-Startseite fasst die aktuelle Niedrigwassersituation kompakt zusammen.
(Bilder: BfG)
   
   
 Kommentar der Redaktion:

Auf den ersten Blick könnte man denken, dass Niedrigwasser hier eher ein Problem für die örtliche Ökologie, die Landwirtschaft und Binnenschiffahrt darstellt und nicht typisch zur Fachleserschaft von Edition Professionell passt.

Gegenteilig ist die Einführung von NIWIS für uns ein sympolträchtiger Anlass, Wasser als zentrales Problem des Klimawandels zu fokussieren. Denn nach den Prognosen fliegt uns das Problem schon in wenigen Jahrzehnten um die Ohren. Wasser benötigen wir elementar täglich in jedem Wohngebäude und an fast jeder Arbeitsstätte. Wir sind an die fast unlimitierte Verfügbarkeit zu moderaten Preisen gewöhnt, was wir nicht mal als Luxus sondern fraglose Normalität wahrnehmen.

Wenn wir diese Lebensqualität auch nur halbwegs retten wollen, müssen wir jetzt beginnen, massiv in Wasserrückhaltung zu investieren - nicht hier und da - überall. Individuell als Bauherr oder Sanierer, systematisch in jeder Kommune und strategisch für jedes Unternehmen. Das wird eine gigantische Bauaufgabe zum Mitmachen für alle, über Jahrzehnte.

Zugleich muss in Land- und Forstwirtschaft die Natur auf Trockenresistenz und brandhemmende Pflanzen/Baume umgestellt werden. Zweifel? Schauen Sie auf die Katastrophenbilanz der gigantischen Waldbrände in Frankreich, Spanien und anderen wenig fernen Ländern.

Wenn wir das mit dem Wasser nicht hinbekommen, wird es noch viel schlimmer und teurer als bei der zäh verschleppten Energiewende.  alb
     
   
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